GRÜNDACH, EIN ZUHAUSE FÜR BIENE UND CO.

Franziska Witschi, dipl. phil. nat. Biologin

Die Firma Weiss+Appetito Spezialdienste hat sich im In- und Ausland einen Namen für nachhaltige Dachbegrünungen gemacht und lanciert auf die kommende Vegetationsperiode eine bienenfreundliche Dachansaat. Wir sind überzeugt, dass Grünflächen im städtischen Raum zur Biodiversität und zu einem angenehmeren Stadtklima beitragen können.

Frau Witschi, Sie beschäftigen sich seit längerem mit der Biodiversität im städtischen Raum und haben schon verschiedenste Stadtgebiete und Anlagen diesbezüglich untersucht.

Wie hat sich die Bedeutung von Grünflächen im städtischen Raum gegenüber früher verändert und welche Bedeutung haben Grünflächen für die Stadt der Zukunft? 

Franziska Witschi: «Bis in die Nuller jahre wurden öffentliche Grünfl ächen vor allem in Form von Parks und Sportplätzen angelegt, sprich vor allem Rasenflächen. Das Bewusstsein für Natur in der Stadt war nicht sehr gross, allenfalls bei Privatpersonen, die ihre Gärten naturnah anlegten. Gemeinhin galt die Stadt als naturfern, das Umland war Natur. Das hat sich aber geändert. Heute wissen wir, dass die Biodiversität auf unversiegelten Flächen in der Stadt grösser ist als zum Beispiel auf landwirtschaftlichen Flächen oder im Wirtschaftswald wo eine Monokultur herrscht. Man hat erkannt, dass grüne Räume in der Stadt gesundheitsfördernd sind, sie unterstützen die Entwicklung von Kindern und das soziale Leben – und eben, sie können viel zur Biodiversität beitragen.» 

Können Grünflächen das Klima in einer Stadt spürbar beeinflussen?

Franziska Witschi: «Ja! Die Stadt ist klimatisch mit einer Felsenlandschaft vergleichbar, sie heizt sich entsprechend stärker auf als das ländliche Umland. Eine geringe Windzirkulation, die dichte Bebauung und die geringere Abkühlung in der Nacht führen dazu, dass die Stadt eine eigentliche Wärmeinsel in der Landschaft ist. Es ist nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich in der Stadt mehrere Grad wärmer als im Umland. Hier kommen jetzt die Pfl anzen ins Spiel. Sie spenden Schatten, sie nehmen Wasser auf und geben dieses an die Umgebung ab, damit kühlen sie unsere Umgebung. Unter einem Baum kann es 26–30 Grad warm sein, während der Asphalt daneben 50–60 Grad warm ist. Grössere Parks kühlen in der Nacht die Umgebung im Umkreis von 200 Metern um mehrere Grad ab. Auch begrünte Dächer und Fassaden leisten einen wichtigen Beitrag, da sie die Strahlung nur zu ca. 40% in Wärme umwandeln. Ein unbegrüntes Dach wandelt die Sonneneinstrahlung zu 90% in fühlbare Wärme um.»

Wie kann man die Biodiversität in der Stadt erhöhen?

Franziska Witschi: «Ganz wichtig sind vernetzte Grünfl ächen, weniger versiegelte und mehr offene Bodenflächen. Jeder Verkehrskreisel, der mit einer extensiven Wildstaudenmischung begrünt ist, trägt zu dieser Vernetzung von Lebensräumen bei. Es darf in den Gärten gerne auch ein bisschen «unordentlicher» oder sagen wir «natürlich» zu- und hergehen. Einfach mal Pflanzenstängel stehen lassen, das tote Holz und Laub auf einem Haufen darf liegen bleiben oder einen Steinhaufen dulden. Es versteht sich von selbst, dass unsere einheimischen Tiere und Insekten einheimische Pflanzen bevorzugen und ursprüngliche Lebensräume wie Wildhecken oder offene Böden suchen. 50% unserer etwa 620 Wildbienenarten nisten im Boden, in Brachfl ächen oder gestörten Bodenflächen; Baustellen mit viel offenem Erdreich sind für sie ein Segen.» 

Wie muss der optimale Lebensraum für Insekten in der Stadt aussehen?

Franziska Witschi: «Wo immer möglich sind offene, wasserdurchlässige, nährstoffarme Bodenflächen wichtig. Ein breites Nahrungsangebot in Form von blühenden Pfl anzen sollte von März bis November vorhanden sein. Die Distanzen von Nistplätzen, also ebenem offenem Boden und Strukturen wie Holzhaufen zu Futterpflanzen, sollten gering sein. Auch Insekten pendeln nicht über lange Distanzen. Wildbienen überwinden max. 200–300 Meter zwischen Nistplatz und Nahrungsquelle. Wir brauchen also vernetzte Grünflächen und Grünflächen, die über eine lange Zeit zur Verfügung stehen und nicht allzu oft gemäht werden.»

Wie beurteilen Sie die Qualität des Lebensraumes auf Gründächern für heimische Insekten? 

Franziska Witschi: «Der Lebensraum Grün dach ist für heimische Insekten ideal, wenn er gut und richtig angelegt ist. Das heisst vor allem heimische Pflanzen, gutes Substrat, offene Bodenflächen mit Sand und Kies und wenn möglich Kleinstrukturen wie Totholz und so weiter. Gründächer sind ein wichtiges Element, um Grünflächen im bebauten Raum zu vernetzen. Zudem ist es auf den Dächern nachts auch dunkler als auf dem Boden. Die sogenannte Lichtverschmutzung trägt auch zum Insektensterben bei... Vom reichen Insektenangebot auf Gründächern profi tieren auch Vögel und Fledermäuse. So funktioniert die Nahrungskette. Da ein Gründach bis zu 20 Jahre bestehen bleibt, kann es ein sehr guter gewachsener Lebensraum sein für Schmetterlinge, Wildbienen, Laufkäfer und viele mehr. Gründächer, ein bisschen mehr Unordnung im städtischen Grün und einheimische Pflanzen sind eine Chance für mehr Biodiversität in der Stadt und die Erhaltung unserer Insekten- und Vogelvielfalt.»

Naturaqua PBK

Das Angebot von naturaqua PBK umfasst Dienstleistungen in den Bereichen Landschaftsplanung, Ökologie, Gewässer und Kommunikation. Die Markenzeichen: profundes Fachwissen, ganzheitliche Betrachtung und  Nähe zur Bevölkerung.

 

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